DEZEMBER 2012 - Namentlich zu Weihnachten

monat dezember 2012


Im Kreisarchiv des Unstrut-Hainich-Kreises liegen auch die Zeitungen und Periodika, in denen die jeweilige Kreisverwaltung von 1803 bis 1989 ihre amtlichen Bekanntmachungen veröffentlicht hat. Dieser Bestand umfasst über fünfzig laufende Meter.

Was sagen uns diese Zeitungen? Zum Beispiel teilen sie uns mit, was vor hundert Jahren zu Weihnachten wichtig war? Schauen wir in den Mühlhäuser Anzeiger vom
24. Dezember 1912 unter der Signatur P 47. Der Mühlhäuser Anzeiger war damals das Amtliche Blatt für den Stadt- und Landkreis Mühlhausen i. Th. [in Thüringen]. Im Jahr 1912 erscheint der Mühlhäuser Anzeiger bereits im 116. Jahrgang.

Die einzelne Ausgabe des Mühlhäuser Anzeigers kostete zehn Pfennig und erschien „mit Ausnahme der Tage nach den Sonn- und Feiertagen täglich abends 5 Uhr“. Zu beziehen war die Zeitung „durch alle Postanstalten und Postboten“. Druck und Verlag übernahm die Dannersche Buchdruckerei und Verlagsanstalt in Mühlhausen.

Der Inhalt des Mühlhäuser Anzeigers entspricht dem einer Tageszeitung. Neben den amtlichen Mitteilungen finden wir Nachrichten aus dem ganzen Deutschen Kaiserreich sowie aus dem Ausland. Das Deutsche Kaiserreich dauerte von 1870/71 bis 1918. Es war eine Monarchie, Kaiser, Könige und Adlige hatten das letzte Wort. Deutlich wird das auch am allerersten Satz des Mühlhäuser Amtsblattes vom Heiligen Abend 1912: „Prinzregent Ludwig von Bayern hat am Sonnabend den Eid auf die Verfassung geleistet. Die bayerische Regierung bereitet die Uebertragung der Königswürde auf den Prinzregenten vor.“

Wir finden diese Meldung in der „Kurzen Übersicht“ über den politischen Inhalt des Anzeigers, auf der Titelseite oben links. Weitere Meldungen der Inhaltsübersicht lauten: „In Kiel sind auf der Germaniawerft 3 000 Arbeiter in den Ausstand getreten. / Der Landtag in Reuß hat die Wahlrechtsvorlage in dritter Lesung gegen die Stimmen der Sozialdemokratie angenommen. / Die serbische Regierung hat der Autonomie Albaniens und der Erlangung eines Handelshafens an der Adria zugestimmt. Der serbische Ministerpräsident Rasitsch hat dem österreichischen Vertreter in Belgrad wegen der Übergriffe gegen den Konsul Prochaska das aufrichtige Bedauern Serbiens ausgesprochen.“ Bis auf den Ausstand der Werftarbeiter werden die Kurz-Nachrichten noch einmal ausführlich behandelt. Zudem werden neue Steuergesetze bekannt gegeben und von der Bundesratssitzung berichtet. Heute ist eine der Meldungen wieder aktuell: Wir feiern das hundertjährige Bestehen des modernen Albaniens.

Die Rubrik „Politische Übersicht“ beginnt mit einer Meldung über den deutschen Kaiser Wilhelm II.: „Der Kaiser hörte Sonnabend vormittag im Neuen Palais bei Potsdam die Vorträge des Staatssekretärs des Reichsmarineamtes v.[on] Tripitz und des Chefs des Marinekabinetts v.[on] Müller“. Der Aufbau einer Kriegsflotte war das Hobby des Kaisers. Mit unseren Hobbys ruinieren wir vielleicht unsere Haushaltskasse, die Hobbys eines Kaisers ruinieren ein Reich. Flotte und Reich versanken im ersten Weltkrieg.

Das untere Drittel der Titelseite des Mühlhäuser Anzeigers besetzt der „Berliner Brief“ eines nicht namentlich genannten„Korrespondenten“. Der setzt seinem Bericht aus Berlin die Schlagzeilen voran: „Weihnachten ist wieder da. - Ein Sturmpräludium. - Der goldene Sonntag. - Die neue Verkehrsordnung. - Ein Merkbüchlein. - Rücksichtslose Hunde. - Erzieherisch wirken. - Die Abwanderung der Hunde. - Ueberschuß der Frauen in Berlin W.[est]. - Vakanzen für Damen bei der Post. - Elektrisieren oder Elektrifizieren? - Ein kleines Malheur.“ Wir sehen, das Geschehen in Berlin wird umfassend beleuchtet. Wer die Meldungen im Einzelnen lesen möchte, ist im Kreisarchiv willkommen.

Auf der zweiten Seite finden wir internationale, regionale und lokale Nachrichten, bunt gemischt. Wir werden informiert über Baumaßnahmen, Beeinträchtigungen des Verkehrs und über Neues aus dem Mühlhäuser Vereinsleben, so über die Versammlung des Vereins zur Pflege der Volkskunst. Zwischen der Meldung über die Bestattung eines Stadtverordenten und über die Weihnachtsfeier einer Schule wird folgendes der Leserschaft mitgeteilt:„Kleine Meldung. Als Naturseltenheit wurde uns aus dem Garten des Webers Joh[ann] Heinr[ich] Schulz aus Langula ein Oberkohlrabi gebracht, der aus einem 25 Zentimeter hohen großen Kopfe mit 22 kleineren herausgewachsenen Köpfen besteht. Diese Merkwürdigkeit ist auch eine Folge des nassen Sommers.“

Unter „Kunst und Wissenschaft“ finden wir eine Kritik des aktuellen Stücks auf der Bühne des Mühlhäuser Theaters „Der Hochtourist“. Urteil des Kritikers: „Närrische, komische Szenen reihen sich bunt aneinander, ein alles überstrahlender geistreicher Witz fehlt.

Die Rubrik „Telegramme und letzte Nachrichten“ vom 23. Dezember 1912 handelt wieder vom Staatsoberhaupt: „Der Kaiser wohnte gestern abend der Aufführung von Richard Wagners 'Rheingold' im Königlichen Opernhaus in der großen Hofloge bei.“ Erst danach wird aus Berlin ein Diebstahl von Straußenfedern gemeldet, immerhin im Wert von 12 000 Reichsmark, um 1912 ein Vermögen. Die Federn dieses afrikanischen Laufvogels schmückten damals teure Damenhüte.

Zu den kurzen Meldungen kommen der „Wetterbericht“ mit Vorhersage für den Tag: „Mäßiger wechselnder Wind, Zunahme der Bewölkung, meist trocken, verhältnismäßig warm.“ Später wird ausführlich über das Wetter vom Vortag berichtet.

Es fällt auf, dass die Nachrichten sehr gemischt sind. Der Kohlrabi aus Langula steht neben dem Vizekönig von Indien, auf den eine Bombe geworfen wurde. Der Elefanten-Lenker, der Chauffeur also, starb. Der Vizekönig wurde leicht verletzt, seiner Ehefrau geschah nichts. Wie es dem Elefanten erging, ist nicht überliefert.

In den „Kirchlichen Nachrichten“ werden die Zeiten der Gottesdienste der Mühlhäuser Kirchen bekannt gemacht. Eine Meldung unter der Rubrik „Briefkasten“ verblüfft: „A. K. Sie dürfen auch während des Gottesdienstes Ihr Handwerk als Barbier ausüben“, wird verraten. Vielleicht war der „Briefkasten“ eine Möglichkeit, Fragen an Experten zu stellen. Sich rasieren lassen während der Predigt war also erlaubt.

Weiter finden wir im Mühlhäuser Anzeiger einen langen Bericht, wie die kaiserliche Familie Weihnachten feiert: „Mit vollem Recht kann man das Familienleben im deutschen Kaiserhause mustergültig und echt deutsch nennen. Das zeigt sich besonders anschaulich bei den großen Festen und namentlich zu Weihnachten. (…) Die Hauptlast der Vorbereitungen ruht auf den Schultern der Kaiserin, genau wie überall die Hausfrau in dieser Hinsicht mehr in Anspruch genommen wird als der Hausherr. (…) Der Kaiser ist ein Freund launiger Überraschungen und so kommt bei seinen Weihnachtsgeschenken auch der Humor nicht zu kurz.“ Die Hausfrau wird von Weihnachten geplagt und der Hofstaat muss den Humor des Chefs ertragen - mustergültige und echt deutsche Zustände eben.

Es folgt die rührende Geschichte über den „verbotenen“ russischen Zaren Iwan II., der wegen einer Hofintrige zwanzig Jahre im Gefängnis saß und schließlich 1764 auf Betreiben der Zarin Katharina II. ermordet wurde. Die Russen waren damals nicht geheuer. Allerdings war Katharina die Große eine geborene Prinzessin Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst-Dornburg, eine Deutsche also.

Auch fehlt im Mühlhäuser Anzeiger die Literatur in Fortsetzungen nicht. Die Novelle „Alte Liebe“ von Reinhold Ortmann geht zu Herzen. Dort finden wir im vierten Teil die beiden Hauptgestalten, Werner und Magda. Sie fahren gerade gemeinsam mit der Bahn. Magda stellt sich ans offene Abteilfenster. Wir werden Zeuge von Werners Gedanken: „Ohne, daß sie es bemerkte, konnte er von seinem Platze aus den Umriß ihrer herrlichen Gestalt, das wundervolle Profil ihres wie aus Marmor gemeißelten Gesichts betrachten.“ Die Handlung wird gleich noch dramatisch: Magda fällt in Ohnmacht und Werner soll verhaftet werden. Die Fortsetzung kann im Benutzerraum des Kreisarchivs gelesen werden.

Erkenntnis: Er kuckt ihr also heimlich auf den Po, bei jeder Gelegenheit. Und vor hundert Jahren war „wie aus Marmor gemeißelt“ noch gleich bedeutend mit schön. Die Menschen wussten noch nichts von moderner Kunst und der Kasseler Documenta.

Weiter geht es im Mühlhäuser Anzeiger wieder mit Lokalnachrichten: In Treffurt hat die Stadtverordnetenversammlung den Schulneubau genehmigt. Es heißt: „Die Kosten sollen durch Anleihe gedeckt werden.“ Schulneubau durch Schulden also. In Sömmerda explodierte das Labor der Zündhütchenfabrik und in Apolda verschwanden 4 800 Mark aus der Schlachthofkasse. Allerdings: „Der Schlachthofkassierer [kann] wegen seiner (…) Kränklichkeit und Gedächtnisschwäche nicht im vollen Umfang dafür zur Verantwortung gezogen werden (…).“ Betrügerische Buchhalter litten auch schon vor hundert Jahren an Demenz.

Die Tages-Chronik meldet, dass in Berlin ein Dienstmädchen beim Bohnern verbrannt ist. Außerdem erhängte sich ein 25-jähriger Schriftsetzer vier Wochen nach seiner Hochzeit. Arbeits- und Mittellosigkeit trieben ihn in den Tod.

Über die Hälfte der Seiten des Mühlhäuser Anzeigers ist mit Werbung gefüllt. Da wird geworben für große Jamaika-Bananen, mündelsichere westpreußische Aktien, Gardinen, Weihnachtspräsentkisten, Qualitätsweine, Regenschirme, Wintereier, Teerschwefel-Seife gegen Hautunreinheiten und als besondere Empfehlung für Magen- und Darmleidende, Zuckerkranke und Blutarme das echte Kasseler Simonsbrot.

Eine Mühlhäuser Buch- und Musikalienhandlung wirbt mit „Aufklärung! Nur der stete Nadelwechsel bei einer Sprechmaschine bietet Garantie für tadellose Wiedergabe! Lassen Sie sich durch marktschreierische Anpreisung auswärtiger Versandhäuser nicht beirren. Unsere Preise und Abzahlungen sind so gestellt, dass Sie nicht nötig haben, von auswärtigen Versandhäusern zu beziehen. Bei uns erhalten Sie Sprechapparate, nur allererste Fabrikate mit monatlicher Ratenzahlung.“

Es geschieht nichts Neues unter der Sonne“, ätzte schon der Prediger Salomo vor 2 400 Jahren in der Bibel. Wir seufzen mit. In den vergangenen hundert Jahren hat sich nicht viel geändert. Wir lesen „Home-Storys“ über Prominente. Arbeiter müssen streiken für ihre Rechte. Die Komödien sind voller Gags, doch ohne Botschaft. Romane werben mit Erotik. Der Kohlrabi in Nachbars Garten ist wichtiger als ein Attentat in Indien. Menschen sind verzweifelt, wenn sie kein Geld zum Leben haben. Und der heimische Einzelhandel warnt davor, sich Sachen im Katalog zu bestellen. Nur an unseren Sprechmaschinen, da wechseln wir nicht mehr die Nadel aus, sondern kaufen uns eine Reinigungs-CD oder wechseln den Ohrhörer vom MP3-Player. Obwohl, manche haben auch noch oder wieder: Plattenspieler.

Michael Zeng

Vielen Dank wie immer an die Menschen, die mir geholfen haben, die Korrektur gelesen haben und Tipps gaben und geben. Vor allem Dank an Volker Mock, der die Archivalie des Monats auf die Webseite bringt.

Wir benutzen Cookies
Wir nutzen Cookies auf der Website www.unstrut-hainich-kreis.de. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb unserer Internetseite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies).
Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Website zur Verfügung stehen.