JANUAR 2013 - Die Quittung bekommen oder Bierchen auf dem Kerbholz

Seit wir zum ersten Mal Geld ausgeben, verfolgen uns Rechnungen und Belege. Zuerst vielleicht der Kassenbon im Süßigkeitenladen. Schon im alten Babylon und Ägypten vermerkten Schreiber: wie viel bezahlt wurde, für was und wann. Handwerker und Händler stellten Rechnungen aus und quittierten den Empfang der Zahlung.

Die Rechnungsstellung und das Quittieren geschah sicher zuerst mündlich, später auch schriftlich oder in ganz anderer Art und Weise, zum Beispiel auf Hölzern, in die eine bestimmte Anzahl Kerben geritzt wurden. So hat mancher Schelm bis heute „was auf dem Kerbholz“.

Ein Kerbholz, auch Kerbstock, Zählholz oder Zählstab genannt, ist eine Art frühzeitliche und mittelalterliche Zählmethode. Das Kerbholz diente meist dazu, zweiseitige Schuldverhältnisse fälschungssicher fest zu halten.

Ein geeignetes längliches Brettchen oder ein Stock wurde mit Symbolen, meist Kerben, markiert. Anschließend wurde der Stock längs gespalten, so dass Schuldner und Gläubiger je die Hälfte der eingeritzten Markierung auf ihrer Stockhälfte dokumentiert fanden. Wieder zusammengefügt zeigte sich zweifelsfrei, ob die beiden Hälften zusammengehörten oder ob eine Hälfte nachträglich verändert worden war. Bereits in der Steinzeit wurde Ähnliches mit Knochen-Material gemacht.

Wir kennen dingliche Quittungen auch noch, wenn die Kellnerin Striche auf unserem Bierdeckel zieht oder wenn Fahrkarten gelocht oder gestempelt werden. Auch das Zerreißen von Eintrittskarten am Einlass, ist das eine Art von Quittieren.

Wenn die Kellnerin die Bierdeckel-Striche durchstreicht oder den Bierdeckel zerreißt, dann können wir schuldenfrei nach Hause wanken. Oder wir lassen anschreiben, wobei wir wieder bei den offenen Rechnungen sind.

Seit Herrscher, Staaten und Kommunen ihre Steuern und Abgaben einnehmen und ausgeben, wird Rechnungslegung betrieben. Schon immer wollten Herrscher wissen und prüfen können, wofür ihre lieben Steuern ausgegeben wurden. Im besten Fall, damit sie Ausgaben für das Allgemeinwohl planen können. Im nicht so guten Fall, um für sich selbst prächtige Schlösser und Grabmäler zu bauen oder um Kriege anzufangen. Meist wurden Kriege ja begonnen, um die Einnahmen des Herrschers zu erhöhen. In Demokratien wählt das Volk zumindest die Personen, die entscheiden, wofür Steuergelder ausgegeben werden.

Im Kreisarchiv befinden sich die Akten der Kommunen des Unstrut-Hainich-Kreises. Dazu gehören auch Unterlagen der Rechnungslegung der kommunalen Verwaltungen. Die ältesten dieser Unterlagen im Kreisarchiv stammen überwiegend aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Es handelt sich um sogenannte Gemeinderechnungen. Die ältesten Stücke sind Jahresrechnungen über Ein- und Ausgaben sowie die zugehörigen Belege. Im 19. Jahrhundert kommen dazu Tagebücher über Ein- und Ausgaben, Kassengegenbücher, Unterlagen zur Revision sowie Voranschläge zur Gemeinderechnung des jeweils kommenden Jahres.

Was interessiert uns das? Wenn wir die Vergangenheit erforschen wollen, dann freuen wir uns über alte Rechnungen. Rechnungen und Belege sind wertvolle Quellen. Warum?

Rechnungen und Belege enthalten seit Alters her mindestens folgende Angaben: den Zahler und den Empfänger, den Geldbetrag oder eine Liste der eingetauschten Waren oder Dienstleistungen sowie den Ort und das Datum der Zahlung.

Meist gibt es in den Aktenbeständen von Gemeinden neben den Rechnungen noch den Briefwechsel des Bürgermeisters oder Aufzeichnungen über Vorhaben und Beschlüsse der Kommune. Das ist aber nicht immer so. So durchsuchen Ortschronisten, Heimatforscher und Historiker oft Gemeinderechnungen nach Ausgaben der Kommune für Feuerwehren, Vereine, Schulen, Denkmäler oder Gemeindeschenken.

Wenn die Gemeinde eine Feuerwehrspritze gekauft hat, dann ist klar, zu diesem Zeitpunkt gab es eine Feuerwehr oder eine solche sollte eingerichtet werden. Das Selbe gilt für Schulen: Wenn Rechnungen oder Belege existieren, die Ausgaben für eine Schule nachweisen, dann gab es im Dorf eine Schule. Wer wissen will, wann eine Straße oder Brücke gebaut wurden, der sucht die Rechnungen dafür. Wenn wir Glück haben, enthalten Rechnungen auch Angaben über das verwendete Material oder die gekauften Gegenstände.

monat januar 2013 1So findet sich im Bestand der Gemeinde Hildebrandshausen eine Rechnung vom 22. Dezember 1921. Das „Elektro Installations-Geschäft Gutmann, Heyerode i. Thür.“ stellt der Gemeinde eine Rechnung aus über 573,45 Mark für die „Instandsetzung der Ortsbeleuchtung und Nachinstallation im Schulgebäude (1 Lampe)“. Die Rechnung enthält eine Materialliste. Mindestens sehen wir aus dieser Rechnung: Es gab um 1921 bereits eine elektrische Straßenbeleuchtung im Ort, für die die Gemeinde finanziell zuständig war. Außerdem existierte eine Schule, für deren Unterhalt die Kommune wohl ebenfalls zuständig gewesen ist. Wer sich für Technik interessiert, wird vielleicht in der Materialliste fündig. So zeigt diese Liste unter anderem: In Hildebrandshausen erhellten „Metallfadenlampen“ die Nacht. Eine vermerkte „Abnahmegebühr“ von 92,25 Mark zeigt, die Installation wurde abgenommen, also zugelassen. Von wem, wird leider nicht vermerkt. Außerdem zeigt uns die Rechnung: In Heyerode existierte eine Elektrofirma Gutmann.

Gemeinderechnungen geben Auskunft über die Aufgaben von Kommunen in ihrer Zeit. Ausgaben für Gehälter zeigen, ob es Gemeindediener, Hebammen oder andere Angestellte gab. Meist werden auch die Namen dieser Personen vermerkt.

monat januar 2013 2Am 1. Juli 1922 stellte die „Apotheke in Ershausen, A. Graune“ der Gemeinde Hildebrandshausen eine Rechnung über 304,00 Mark. Dafür wurde „zu Händen der Frau Hebamme Müller“ Verbandswatte geliefert. Es gab also zum Rechnungsdatum in Ershausen eine Apotheke und in Hildebrandshausen war eine Frau Müller als Hebamme tätig. Sie bekam Verbandsmaterial von der Gemeinde.

Beide Rechnungen weisen auch hin auf die sogenannte Hyperinflation Anfang der Zwanzigerjahre in Deutschland. Konnte 1921 die Gemeinde noch für rund 570 Mark die gesamte Straßenbeleuchtung sanieren, so bekam die Kommune im Jahr darauf für 300 Mark ein paar Päckchen Watte. Im November 1923 kostete 1 US-Dollar 4,2 Billionen Mark. Das Porto für einen Brief kostete am 3. November 1923 in Briefmarken 100.000.000 Mark, also hundert Millionen Mark.

Beide Rechnungen wurden willkürlich herausgegriffen und angeführt. Den meisten von uns mögen diese Aktenstücke eher uninteressant erscheinen. Wer aber Informationen über Apothekengeschichte oder über die Hebamme Frau Müller sucht oder eine Ortsgeschichte schreiben möchte, für den könnten beide Rechnungen ein Glücksfall sein. Aufgrund von alten Rechnungen wurden schon große Jubiläen und Jahresfeiern begangen. Viele Feiern der Ersterwähnungen von Dörfern und Städten gehen zurück auf den Erwerb oder die Schenkung dieser Orte. Dieser Vorgang wurde festgehalten in Urkunden, die ja auch eine Art Rechnung oder Beleg darstellen.

Auch Aufzeichnungen über die Einnahmen der Gemeinden liefern uns wichtige Informationen. Früher wie heute leben Kommunen von den Steuern und Abgaben, die sie erheben können. Steuerhebelisten oder Verzeichnisse von Steuerzahlern geben Hinweise auf die Einwohnerzahlen von Kommunen oder sagen uns, ob eine bestimmte Familie oder Person im jeweiligen Steuerjahr dort gewohnt haben. Steuerlisten sind allerdings keine Einwohnerlisten. Hier werden nur die Haushaltsvorstände aufgelistet, so der erwerbstätige Mann oder die Witwe. Die Einwohnerzahl muss daraus hochgerechnet werden und ist entsprechend mit Vorsicht zu behandeln. Fast alle Einwohnerzahlen für mittelalterliche Städte und Dörfer stammen aus solchen Kalkulationen.

Rechnungen sind also Quellen, auf die Ortschronisten, Heimatforscher und Historiker nicht verzichten können. Müssen sie auch nicht, solange es Archive gibt.

Michael Zeng

Vielen Dank wie immer an die Menschen, die mir geholfen haben, die Korrektur gelesen haben und Tipps gaben und geben. Vor allem Dank an Volker Mock, der die Archivalie des Monats auf die Webseite bringt.

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