FEBRUAR 2013 - Das Volk steht auf, der Sturm bricht los

Im Kreisarchiv des Unstrut-Hainich-Kreises befinden sich die historischen Akten der Gemeinden des Kreises. Ein großer Teil dieser Akten sind Steuerakten. Dabei handelt es sich meist um Listen oder Bücher, in denen die Steuerpflichtigen der Gemeinden verzeichnet sind. Gelistet wurden die Grundstückseigentümer oder Familienoberhäupter, die Steuern und Abgaben auf Grund und Boden oder für ihre Berufsausübung zu zahlen hatten.

Aus den Steuerlisten können Heimatforscher und Historiker Erkenntnisse gewinnen über die Einwohnerzahlen von Gemeinden, sowie über die Berufe und Besitzverhältnisse unserer Vorfahren. Wir können herausfinden, was unser Ur-Ur-Großvater gearbeitet hat, wie viel Land er besaß oder wo sein Haus stand.

Zu den „Steuerakten“ der Gemeinde Hildebrandshausen gehört unter der Signatur „Gemeinde Hildebrandshausen 68“ ein kleines Büchlein: Nur 10,5 cm breit, 7 cm hoch, 2 cm dick. Das Buch ist in Leder gebunden. Buchdecke und Buchrücken bestehen unter dem Ledereinband aus Holz.

Der älteste Eintrag im Buch stammt von 1797. Der jüngste Eintrag muss nach 1893 vorgenommen worden sein. Dort wurde vermerkt, welche Dienste verschiedene Personen 1893 geleistet haben. Nicht verzeichnet ist, ob diese Personen Tagelöhner, Knechte, Mägde oder Bauern der Umgebung waren. Fast hundert Jahre lang wurde in das Büchlein geschrieben: Notizen über Steuerzahlungen, Ausgaben, Einnahmen und Berechnungen. Aber auch etwas anderes findet sich im Buch, das aber eine Vorgeschichte hat.

Wieder einmal hinterlässt die Weltgeschichte unvermutet ihre Spuren im Alltäglichem.

Nein, nicht der Steuern wegen stand vor genau zweihundert Jahren das Volk auf und brach der Sturm los. Das preußische Volk stürmte gegen Napoleon I., der mit seinen Truppen Kontinental-Europa beherrschte. Zwischen 1796 und 1811 besiegten der militärisch geniale Korse und seine Soldaten fast jedes Heer, das sich ihnen in den Weg stellte.

Kaiser der Franzosen! Nicht, Kaiser von Frankreich. Hier liegt vielleicht ein Bonus für die Siege der Franzosen. Sie mussten nicht als Untertanen einem Landesherren als Soldaten dienen, nein: Die Franzosen folgten „ihrem Kaiser“, beseelt von der Idee von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit und natürlich von Eroberung.

Allerdings hatten die Franzosen nicht mit der Heimatliebe und Sturheit ihrer Nachbarn gerechnet. Hier hatte es keine Revolution gegeben. Fürsten, Könige und Kaiser saßen noch auf ihren Thronen. Die französischen Heilsbringer wurden schließlich vertrieben.

Es blieben die Pappel-Alleen an den Straßenrändern, das Bürgerliche Gesetzbuch und die Idee einer Verfassung, an die sich alle zu halten hatten. Diese Idee passte den deutschen Herrschern noch hundert Jahre nach Napoleon nicht so richtig in den Kram. Sie wollten gleicher bleiben als andere. Erst von1918 bis 1933 gab es eine erste deutsche Republik mit moderner demokratischer Verfassung.

Am 9. Oktober 1806 hatte Preußen im deutschen Größenwahn Frankreich den Krieg erklärt. Fünf Tage später, am 14. Oktober 1806, besiegten Napoleons Truppen das preußische Militär in der sogenannten Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt. Napoleons Sieg löste in der preußischen Verteidigung einen Dominoeffekt aus. Eine Festung oder Militäreinheit nach der anderen kapitulierte, Preußen unterstellte sich dem Kaiser der Franzosen. Fast schien es, als ständen die preußischen Kommandanten im Wettbewerb, wer am schnellsten die Flagge strich.

Der Übergang zur französischen Herrschaft wurde von preußischen Beamten dienstplanmäßig korrekt umgesetzt. Die Dienstbezüge wurden einfach in französischen Banknoten gezahlt. Mochte der berühmte preußische Reformer Freiherr vom und zum Stein darüber schimpfen oder nicht. Dienst war Dienst.

Das preußische Volk in Berlin wurde am 17. Oktober 1806 vom Ausgang der Schlacht in Kenntnis gesetzt. Auf Maueranschlägen war zu lesen: "Der König hat eine Bataille verloren (…) Jetzt ist Ruhe die erste Bürgerpflicht." Und dann folgte die Info: "Der König und seine Brüder leben!"

Am 27. Oktober ritt Napoleon I. als Sieger durchs Brandenburger Tor. Am 30. Oktober diktierte der Kaiser der Franzosen den Friedensvertrag. Preußen verlor alle Gebiete westlich der Elbe. Auch große Teile Thüringens gehörten dazu, darunter die Stadt Mühlhausen, das Eichsfeld und die „Vogtei Dorla“.

Das glorreiche Preußen Friedrichs II. des Großen, des „Alten Fritz“, war untergegangen. Der Kaiser der Franzosen suchte das Grab des großen Friedrichs auf, verbeugte sich und meinte zu seinen Marschällen: „Meine Herren, wenn dieser Mann noch lebte, ständen wir nicht hier.“

"Der König und seine Brüder leben!" Das erfuhren also die Berliner und die anderen Preußen. In das ostpreußische Städtchen Memel war König Friedrich Wilhelm III. mit seiner Familie geflohen, in die östlichste Ecke seines Königreiches. „Unser Demel sitzt in Memel“, reimte die Berliner Schnauze. Das Städtchen Memel heißt heute Klaipėda und liegt in Litauen.

Zum Vergrößern anklicken!Allerdings nicht nur die Berliner schienen frech über ihren König zu denken. Seit 1802 war das Eichsfeld preußisch. In Hildebrandshausen zeichnete jemand in sein „Steuer und Quittungsbuch“ ein Portrait des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III., des Großneffen des Alten Fritz.

Das Bildnis scheint eher eine Karikatur zu sein. Gekritzelt vielleicht aus Schadenfreude über den missglückten preußischen Krieg gegen Frankreich. Erst seit kurzer Zeit hatte Preußen das Eichsfeld von Kurzmainz übernommen. Vielleicht waren die Preußen mit ihrem König beim eichsfeldischen Zeichner nicht beliebt.

Oder der Künstler zeichnete sich den Frust von der Seele, weil der König ins hinterste Ostpreußen geflüchtet war und sein Volk einfach den Franzosen überließ. Oder das Bildnis entstand doch aus Verehrung für den „Biedermann auf dem Thron“, wie über Wilhelm gespottet wurde. Wir wissen es nicht. Vielleicht kritzelte jemand einfach nur gern und hatte die Zeit dazu. Wir finden noch mehrere Kritzeleien, so von einem Esel und ein weiteres Portrait, das scheinbar vom Text eines Soldatenliedes umrahmt wird. „Jetzt geht die Macht ins Feld / der Soldat schlägt auf sein Zelt“, kann entziffert werden. Allerdings ist der Eintrag nicht datiert.

Der Zeichner der Karikaturen kann der Steuerbeamte gewesen sein. Das Portrait des Königs könnte auch später in das Buch gekritzelt worden sein. Nicht alle Seiten des Schreib-Buches sind beschriftet, nach Augenschein etwa die Hälfte. Dass es sich bei der Zeichnung um den preußischen König handelt, ergibt die Ähnlichkeit mit bekannten Abbildungen des Königs, die aber hier aus urheberrechtlichen Gründen nicht gezeigt werden können.

Das Buch wartet auf eine gründliche Untersuchung. Möglich wäre die jeweils dienstags von 9 bis 12 und von 14 bis 18 Uhr oder donnerstags von 9 bis 12 und von 14 bis 16 Uhr.

Michael Zeng

PS: Vielen Dank an alle, die die Archivalie des Monats unterstützen, besonders an Volker Mock.

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