MÄRZ 2013 - Da gehen die Uhren anders

In Aachen und in Frankfurt an der Oder ist es genau in der selben Sekunde acht Uhr abends. Heute selbstverständlich, aber erst seit 120 Jahren festgelegt.

Seit dem 1. April 1893 gilt in ganz Deutschland eine einheitliche Uhrzeit. Am 12. März 1893 unterschrieb Wilhelm, von Gottes Gnaden Deutscher Kaiser, König von Preußen (…), das „Gesetz, betreffend die Einführung einer einheitlichen Zeitbestimmung“.

Nun wurde festgelegt: „Die gesetzliche Zeit in Deutschland ist die mittlere Sonnenzeit des fünfzehnten Längengrades [Meridian] östlich von Greenwich.“ (Reichsgesetzblatt von 1893, Seite 93) Modernisiert wurde das Gesetz erst wieder 1987 und 2008.

Zu finden, einzusehen und nachzulesen sind die Reichsgesetzblätter in unserem Kreisarchiv. Wir verfügen über verschiedene Gesetzessammlungen. Schon früher traten Gesetze erst in Kraft, wenn sie im Gesetzblatt veröffentlicht wurden.

Der 15. Längengrad verläuft genau durch Görlitz. Dort erinnert ein Denkmal an die Bedeutung der Stadt für unsere Uhrzeit. Görlitz lag damals ungefähr in der Mitte des Deutschen Reiches, das ja etwa von Aachen bis Königsberg im Baltikum reichte.

Der internationale Bezug auf den Null-Meridian, der durch Greenwich bei London führt, wurde auf der Meridiankonferenz von Washington 1884 beschlossen und bald weltweit anerkannt. Damals begann die USA damit, Zeitzonen festzulegen. Auch die einzelnen deutschen Länder und Provinzen berechneten ihre Zeit über den jeweiligen Abstand zu Greenwich. Zeit war Ländersache. Das ergab natürlich unterschiedliche Uhrzeiten am Rhein, in Berlin oder gar in Wien oder Budapest, das damals zu Österreich-Ungarn gehörte. Es ging auch noch kleinkarierter, wie wir sehen werden.

Warum wurde die Einführung einer deutschlandweit einheitlichen Zeit nötig? Es lag an der Eisenbahn. Kutschfahrten oder Schiffspassagen über lange Entfernungen konnten nicht auf die Minute geplant werden, Eisenbahnfahrten schon. Jedenfalls theoretisch, wie wir bis heute oft erfahren (müssen). Die Werbung verspricht uns: „Die Bahn kommt!“ Bloß wann? Lange Distanzen genießen wir gern in vollen Zügen, weil ein Zug ausgefallen ist.

Bereits 1891 hatten sich die deutschen und österreich-ungarischen Eisenbahnen auf die Zeit des 15. Längengrades als Dienstzeit geeinigt. Sonst hätten die verschiedenen Eisenbahnen keinen einheitlichen Fahrplan hinbekommen. Ein Jahr später schlossen sich deutsche Länder wie das Königreich Bayern, das Großherzogtum Baden und das Königreich Württemberg an. Noch ein Jahr später, 1893, machte das ganze Deutsche Reich mit.

monat maerz 2013In Mühlhausen mussten die Uhren vom 31. März zum 1. April 1893 um 18 Minuten vorgestellt werden, um die neue mitteleuropäische Zeit zu erreichen. Die Tageszeitung Mühlhäuser Anzeiger gab die Daten für die Zeitumstellung auf interessante Weise an. In der Ausgabe vom 28. März 1893 wurde für die Orte in der Umgebung von Mühlhausen mitgeteilt, wann die Minutenzeiger am 31. März auf Mitternacht gedreht werden mussten, so in Heiligenstadt um 11.40 Uhr oder in Tennstedt um 11.43 Uhr. Sogar in so eng beieinander liegenden Orten gingen die Uhren anders.

Den Artikel aus dem Mühlhäuser Anzeiger vom 18. März 1893 haben wir für Sie ausgeschnitten. Der im Text erwähnte „hiesige Magistrat“ bezieht sich auf Mühlhausen. Heute würde „Stadtverwaltung Mühlhausen“ als Absender genannt. „Notabene“ ist eine lateinische Floskel, die übersetzt werden kann mit „beachte“, „wohlgemerkt“ oder „übrigens“.

Michael Zeng

PS: Vielen Dank an alle, die die Archivalie des Monats unterstützen, besonders an Volker Mock.

Wir benutzen Cookies
Wir nutzen Cookies auf der Website www.unstrut-hainich-kreis.de. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb unserer Internetseite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies).
Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Website zur Verfügung stehen.