AUGUST 2013 - Der große Kladderadatsch oder mit Tschingderassa in den Bum

„Die Klage, daß in unseren Parlamenten die Persönlichkeiten immer seltener werden, daß die gleichbleibende Parteischablone das ersetzen soll, was in den klassischen Zeiten des deutschen Parlamentarismus Männer von eigenem Gepräge leisteten, ist in den letzten Jahren überhaupt nicht mehr verstummt. Keine Partei blieb verschont davon, daß sie einen der Ihrigen in das Reich der Toten einziehen sah, ohne unter den Lebenden einen rechten Nachfolger zu finden."

Stammt das aus einem bösen Leserbrief an die Zeitung? Oder aus Facebook? Oder schimpft so unser wütender Opa?

a bebelDie obige Klage wird am 13. August hundert Jahre alt. Sie stammt aus dem Mühlhäuser Anzeiger vom 14. August 1913. Am Tag zuvor war August Bebel gestorben. Er gehörte zu den Gründervätern der deutschen Sozialdemokratie.

Die Vorgänger-Partei der SPD entstand 1875 aus dem Zusammenschluss von Allgemeinem Deutschen Arbeiterverein (ADAV) und Sozialdemokratischer Arbeiterpartei (SDAP). August Bebel gehörte mit Wilhelm Liebknecht zu den Gründern der SDAP. Weil der ADAV 1863 gegründet wurde, feiert die SPD 2013 ihren 150. Geburtstag.

ADAV und SDAP vereinigten sich 1875 in Gotha zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP). Von 1878 bis 1890 verbot das „Sozialistengesetz" die Sozialdemokratie. Ihre Anhänger wurden als Reichsfeinde und vaterlandslose Gesellen diffamiert. Das war in der Zeit des Jubel-Nationalismus starker Tobak.

Nach Aufhebung des Sozialistengesetzes, 1890, wurde die SAP 1891 auf dem Erfurter Parteitag endgültig zur Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, zur SPD. Nach den Reichstagswahlen 1912 bildete die SPD die größte Fraktion im Parlament.

Ab 1892 war August Bebel Vorsitzender der SPD. Er stand für die marxistische Mitte der Partei und galt bald als „Arbeiterkaiser" oder sogar als inoffizieller „Gegenkaiser".

Zu dieser Zeit war Deutschland noch ein Kaiserreich. Kaiser Wilhelm II. hatte echte politische Macht. So konnte er unabhängig vom Reichstag die Reichskanzler ernennen oder absetzen. Heute wählt das Parlament den Kanzler oder die Kanzlerin.

Trotzdem: Von gleicher Bedeutung wie die damaligen Spitznamen von Bebel wären heute die Bezeichnungen „Arbeiterkanzler" oder „Gegenkanzler" für einen aktuellen Politiker.

monat august 2013Der Mühlhäuser Anzeiger vom 14. August 1913 widmet August Bebel einen Nachruf von 208 Zeilen. Das wären heute zwei große Artikel in der Thüringer Allgemeinen.

Der ungenannte Autor des Mühlhäuser Anzeigers von 1913 ordnet Bebel in seine Zeit ein:

„Denn das muß dem Führer der Sozialdemokratie, der Bebel seit [Wilhelm] Liebknechts Tode unbestritten war, auch der grimmigste Gegner zugestehen, Bebel ist von den ersten Jahrzehnten unseres politischen Daseins nicht zu trennen."

Der 1840 geborene Sohn eines Unteroffiziers und gelernte Drechsler August Bebel beginnt Mitte der 1860er Jahren politisch aktiv zu werden. Sein politischer Lebensweg deckt sich quasi mit der Entwicklung der Arbeiterbewegung zwischen 1866 und 1913. Deshalb können sich heutige SPD und LINKE gleichermaßen auf August Bebel berufen. Die Trennung in Sozialdemokraten und Sozialisten erfolgte erst ab der politischen Generation nach Bebel durch die Gründung der Kommunistischen Partei Deutschlands 1918.

Wir lesen weiter im Nachruf auf August Bebel im Mühlhäuser Anzeiger:

„In seinem bekanntesten Buche ´Die Frau und der Sozialismus' hat er [Bebel] mit lebhafter Einbildungskraft das zukünftige Proletarierparadies gemalt; immer wieder hat er den nahe bevorstehenden ´großen Kladderadatsch´ prophezeit., obwohl die Weissagung sich nie erfüllte;"

Das wurde 1913 geschrieben. Ein Jahr später kam er, der große Kladderadatsch: Der I. Weltkrieg brach aus. Mit Tschingderassabum marschierten die Deutschen in die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts und in den Untergang der alten Zeit.

Dem ersten Weltkrieg folgten russische Oktoberrevolution und deutsche Novemberrevolution. Aus dem Deutschen Kaiserreich wurde die Weimarer Republik. Diese wurde von den Nazis zerstört. Hitler und seine Kumpane führten die Deutschen in den zweiten Weltkrieg, nur 21 Jahre nach dem ersten. Ein Propaganda-Ziel der Nazis war Rache für die Niederlage im ersten Weltkrieg. Dem Untergang 1945 folgte der kalte Krieg und die europäische Spaltung. Bis heute leiden wir unter den Folgen.

Der erste Weltkrieg veränderte die Welt. Sie wurde modern. Nie wieder regierte in Mitteleuropa ein echter Kaiser sein Reich. Das war nach über 1100 Jahren endgültig vorbei. Begonnen hatte es 800 als Karl der Große als erster Germane in Rom zum Kaiser gekrönt wurde.

Michael Zeng

Wie immer vielen Dank an Herrn Mock für die technische Betreuung.

 

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